Wochenrückblick: Mehr Ärzte, aber weniger Arbeitspotential

Mehr Vertragsärzte, aber weniger Arbeitszeit; Transformationsfonds für Krankenhäuser; Unzufriedenheit und Reformbedarf im Gesundheitssystem.

Mehr Ärzte, aber weniger Arbeitspotential

Die Zahl der Vertragsärzte und -psychotherapeuten ist zum Jahreswechsel auf insgesamt 189.551 gestiegen – ein Plus von 1,1 Prozent. Dabei wuchs die Zahl der Ärzte nur leicht um 0,6 Prozent, während die Zahl der Psychotherapeuten um 3,6 Prozent auf 34.921 anstieg. Damit bilden sie nach den Hausärzten die zweitgrößte Gruppe. Trotz des Zuwachses sinkt das tatsächliche Arbeitsvolumen, da der Anteil an Teilzeitarbeit weiter zunimmt.

Inzwischen arbeiten weniger als die Hälfte der Vertragsärzte noch Vollzeit (40 Stunden oder mehr): Ihre Zahl sank laut KBV-Arztregister um 3,1 Prozent auf 90.234. Weitere 32.133 Ärzte und Psychotherapeuten (plus 5,9 Prozent) arbeiten zwischen 50 und unter 100 Prozent. Besonders stark steigt der Anteil der Teilzeit arbeitenden Mediziner und Psychotherapeuten, die angestellt sind. Bis zu 10 Stunden arbeiten 9890 (plus 8,7 Prozent), zwischen 10 und 20 Stunden sind 17.767 tätig (plus 6,2 Prozent), 5557 (plus 12,8 Prozent) arbeiten zwischen 20 und 30 Stunden, und (plus 4 Prozent) 19.115 sind mehr als 30 Stunden tätig.

Ziemlich stabil ist der Zugang von jungen Ärzten in die hausärztliche Versorgung: insgesamt stieg die Zahl der Neuzugänge um 0,1 Prozent auf 3312. Knapp ein Drittel davon (1037) ließen sich in eigener Praxis nieder, 735 fanden eine Anstellung in einer Einrichtung, 1530 wurden in einer Praxis angestellt.

Auch Bundesrat stimmt Regeln für Transformationsfonds zu  

Mit der Zustimmung des Bundesrates zu einer von der Bundesregierung bereits beschlossenen Rechtsverordnung steht nun die Ampel für den Start des Transformationsfonds zur Restrukturierung der Krankenhäuser auf grün. Insgesamt ist der Transformationsfonds mit 50 Milliarden Euro für die Zeit von 2026 bis 2035 dotiert. Voraussetzung für die Vergabe von Mitteln ist, dass sich die Länder oder alternativ die Krankenhausträger mit 50 Prozent an den Investitionskosten beteiligen. 

Förderfähige Tatbestände sind die Konzentration akutstationärer Versorgungskonzepte, die Umstrukturierung eines Krankenhausstandortes zu einer sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtung, die Bildung telemedizinischer Netzwerkstrukturen, die Bildung von Zentren zur Behandlung seltener Erkrankungen, sowie der Aufbau von regionalen Kliniknetzen und Integrierten Notfallstrukturen. 

Erleichtert wird die Finanzierung des Investitionsprogramms für die Krankenhäuser durch die am Dienstag vom Bundestag und am Freitag vom Bundesrat beschlossene Grundgesetz-Änderung, die die Schaffung eines Sondervermögens von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur- und Klimaschutz-Investitionen ermöglicht. Die Änderung des Grundgesetzes flexibilisiert auch die Kreditaufnahmemöglichkeiten der Länder, die bislang der Engpassfaktor bei der Investitionsfinanzierung der Krankenhäuser waren. Zudem erhalten die Länder aus dem beschlossenen Sondervermögen 100 Milliarden zur ihrer Verfügung; denkbar wäre, dass sie daraus ihren Anteil am Transformationsfonds finanzieren.

Hoffnung machen sich auch die Krankenkassen. Sie erwarten, dass der Bundesanteil von 25 Milliarden am Transformationsfonds nicht wie bislang geplant von den GKV-Beitragszahlern getragen werden müssen, sondern dass der Bund den Gesundheitsfonds aus Steuermitteln aufstockt. 

Dramatische Verschlechterung der Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem

Binnen vier Jahren haben sich die Zufriedenheitswerte der Deutschen mit ihrem Gesundheitssystem dramatisch verschlechtert. Das geht aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse hervor, deren Daten am Mittwoch veröffentlicht wurden. Danach ist der Anteil der Unzufriedenen aktuell gegenüber 2021 von 10 auf 30 Prozent gestiegen, bei denjenigen Versicherten, die ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht bewerten, stieg der Anteil der Unzufriedenen sogar auf 47 Prozent. Als wichtiger Faktor für ihre Einschätzung sehen 62 Prozent zu lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin, noch mehr sind es bei den Bürgern, die in kleineren Orten unter 20.000 Einwohner leben. Angesichts dieser schlechten Werte sehen 94 Prozent der Befragten Reformbedarf, darunter 21 Prozent, die grundlegende Reformen für notwendig halten.

Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Umfrageergebnisse dürfte von der TK bewusst gewählt worden sein: wenige Tage vor Start in die Koalitionsverhandlungen. Bislang haben die Sondierungsverhandlungen zwischen Union und SPD zur Gesundheitspolitik nur drei dürftige und nichtssagende Sätze ergeben. Auch wenn durch die Beschlüsse zum Infrastruktur-Sondervermögen Investitionen im Gesundheitswesen mitfinanziert werden könnten, bleibt der Großteil der rasant steigenden GKV-Ausgaben als Staatskonsum eingestuft – und steht somit unter Sparzwang. Der Gesundheitsökonom Professor Wolfgang Greiner (Uni Bielefeld) warnt: “Die Politik sollte nicht die Erwartung wecken, dass alles bald besser wird.“ Die Zeiten einer gesünderen Bevölkerung und Ärzten, die bereit sind, 60 Stunden pro Woche zu arbeiten, kehren nicht zurück. Gefragt sind daher eine effektivere Patientensteuerung, weniger unnötige Konsultationen und auch eine angemessene Selbstbeteiligung.

Experten empfehlen radikale Reformen

Eine gestaffelte sozialverträgliche Selbstbeteiligung, gezielten Einsatz teurer Behandlungen insbesondere auch unter dem Aspekt ihres zielgruppenspezifischen Nutzens und Mengenbegrenzungen beim Einsatz teurer Arzneimittel haben die Professoren Boris Augurzky (RWI Leibniz-Institut in Essen) und Christian Karagianidis (Unio Witten-Herdecke) empfohlen. Beide Wissenschaftler, der eine Ökonom, der andere Arzt, gehören der Regierungskommission für die Krankenhausreform an. Ihre drei zentralen Vorschläge:

Pädiater klagen über nicht wahrgenommene Termine 

Aufgrund vereinbarter, aber schließlich nicht wahrgenommener Termine gehen den Kinder- und Jugendarztpraxen nach Angaben ihres Berufsverbandes je Quartal und Praxis die Sprechstundenzeiten der Ärzte und MFA von rund einer Woche verloren. Basis dafür ist eine Umfrage des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, an der sich rund 1500 Praxen beteiligt hatten. Danach werden im Durchschnitt je Praxis und Quartal 77 terminierte Vorsorgekonsultationen von den Eltern und ihren Kindern nicht wahrgenommen. Drei Viertel der Praxen geben an, dass sie dadurch gezwungen seien, zumindest teilweise Neupatienten abzulehnen. Dringend notwendig seien gesetzgeberische Maßnahmen zur besseren Patientensteuerung. 

Pflege: Neun Prozent mehr neue Ausbildungsverträge

Ein Lichtblick im von Knappheit als Arbeitskräften geprägten Pflegemarkt: Die Zahl der im vergangenen Jahr abgeschlossenen neuen Ausbildungsverträge ist um neun Prozent auf 59.500 gestiegen. Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Christine Vogler, wertet dies als „starkes Zeichen“, dass junge Menschen den Wert des Pflegeberufs, die vielfältigen Karrierechancen, die verbesserte Bezahlung und die Arbeitsplatzsicherheit erkannt hätten. Notwendig sei nun eine rasche Verabschiedung des inzwischen als Entwurf vorliegenden Pflegekompetenzgesetztes durch den neuen Bundestag.